Packungsaufdruck der R6 von 1934 Hans Domizlaff Archiv - Frankfurt am Main
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Interview mit Hans Domizlaff - Folge 1

Ein Gespräch zum 120. Geburtstag in Fortsetzungen

Hans Domizlaff hat einmal den Wunsch geäußert, daß er gerne 120 Jahre alt werden möchte. Dann würde er jetzt – im Jahr 2012 - noch leben. Wir könnten ihm zu seinem 120. Geburtstag am 9. Mai 2012 persönlich gratulieren und er würde mitfeiern bei einer Feier zum 25. Jubiläum des Hans-Domizlaff-Archives in Frankfurt am Main. Natürlich würden wir ihn interviewen. Was würde Hans Domizlaff heute in einem Interview sagen?

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Hans Domizlaff um 1922 in Leipzig. Aufnahme: Selma Genthe

Peter Sumerauer: Sehr geehrter Herr Domizlaff, dieses Jahr wäre am 9. Mai Ihr 120. Geburtstag. Aus diesem Anlaß haben wir Sie um dieses Interview gebeten. Wir möchten uns sehr bei Ihnen bedanken, daß Sie die Zeit gefunden haben, uns ein paar Fragen zu beantworten.
Hans Domizlaff: Ach, wissen Sie, Zeit habe ich genug. Inzwischen.

PS: Von Ihrer zweiten Frau weiß ich, daß Sie gerne 120 Jahre alt geworden wären. Haben Sie damals wirklich geglaubt, daß das möglich sein könnte?
HD: Naja, wissen Sie, es gibt Zeiten, da fühlt man sich jung, unverwundbar und unsterblich. Da muß ich wohl so etwas gesagt haben. Außerdem war ich wahrscheinlich verliebt. Aber mit 60 bis 80 Zigaretten am Tag hätte ich das sowieso nie geschafft!

PS: Sie hielten es aber irgendwie für erstrebenswert. Warum?
HD: Die 50er und 60er Jahre in Deutschland waren eine spannende Zeit für meine Generation. Es war das zweite Wirtschaftswunder nach einem Weltkrieg. Ich wollte gerne sehen, wohin sich das alles entwickelt. Dieser unerschütterliche Optimismus nach der völligen Zerstörung...

PS: Aber erst kam für Sie der „Duft der großen weiten Welt“...
HD: Ja. In diesem Satz war viel Hoffnung eingeschlossen. Solche Sätze sind heute schwer zu finden.

PS: Sie haben damals Ihre Autobiographie veröffentlicht. Wie viele Menschen nach dem zweiten Weltkrieg.
HD: Es war mir wichtig, zu zeigen, daß es während der Hitler-Zeit Menschen gab, die anders dachten – die auch nach dem Ende der Hitler-Diktatur nicht in der allgemeinen Euphorie mitschwímmen wollten.

PS: Ist Ihre Autobiographie nicht auch Verklärung aus der Rückschau?
HD: Ja, sicher! Wissen Sie, ich habe als junger Mann den Ersten Weltkrieg miterlebt. Es waren mehr die Verluste, die unsere Generation geprägt haben, die Vergänglichkeit... Der Wiederaufbau nach dem Ersten Weltkrieg und das damit verbundene Wirtschaftswunder waren vor allem Versuche, der Rekonstruktion und Neuorientierung. Es gab zu wenig Halt –

PS: Das wurde tatsächlich damals schon „Wirtschaftswunder“ genannt?
HD: Ja, was Sie als die Goldenen Zwanziger kennen, war für uns das Wirtschaftswunder. Aber es wurde nicht zu einem Schlagwort, wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Dann die Weltwirtschaftskrise, die Nazi-Diktatur, den Zweiten Weltkrieg und einen erneuten Wiederaufbau und wieder ein Wirtschaftswunder... Es ist einfach zuviel verloren gegangen und zerstört worden in diesen Jahrzehnten nach der Jahrhundertwende. Freundschaften, Vertrauen, Sicherheit, Menschlichkeit. Daran wollte ich die Erinnerung wach halten.

PS: Was bedeutet Ihnen Erinnerung?
HD: Erinnerung ist ein interessanter Ort, um schließlich doch 120 Jahre alt zu werden! Wir leben weiter in der Erinnerung der Menschen, die nach uns kommen. Wenn ich das zu Lebzeiten gesagt hätte, wäre ich als verrückt und esoterisch bezeichnet worden –

PS: Naja, als zu philosophisch wurden Sie schon in den 30er Jahren in der Presse bezeichnet...
HD: Mit Marken ist es nicht viel anders. Es ist im Prinzip einer Art des sozialen Erinnerns, in dem Ereignisse – und dazu gehören eben Menschen auch – ein Fortleben führen. Ein Fortleben das ebenso unbewußt und ungewollt geschieht wie das physische Leben.

PS: Maurice Halbwachs hat das zu Ihrer Zeit als „kollektives Gedächtnis“ beschrieben...
HD: Tatsächlich? Eigentlich ein schöner Begriff. Bei mir heißt das „Massengehirn“.

PS: Man hört förmlich Metropolis mitschwingen...
HD: Ja, es ist sehr modernistisch, deutsch und sachlich, aber so war die Zeit. Irgendwie klinisch... Und Kompositionstrieb war der Begriff, den ich dafür verwendet habe. Alles ist Komposition und alles ist Material für Kompositionen. Denken Sie an chemische Bausteine, Moleküle und deren Kompostion in der DNA. Unser Gehirn möchte ebenfalls ständig komponieren: Es setzt sich seine Umwelt, sein Leben, seine Geschichte, seine Kultur aus lauter kleinen Bausteinen zusammen.

PS: Aber Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß ein Mensch wie eine Marke ist?
HD: Nein, keines Falles! Eher umgekehrt: Marken haben etwas von Menschen.

PS: Auch nicht Marke als Organismus, wie es in Ihrem Lehrbuch der Markentechnik beschrieben ist?
HD: Nein. Kein Organismus. Ich gebe zu, daß das nicht ganz richtig ist. Der Begriff „Organismus“ ist nur ein Hilfsmittel, eine Analogie, aber manchen Menschen hilft ein solcher Begriff zu verstehen. Nur können sie von einfachen Bildern nicht ins Abstrakte hinein denken und denken an Arme, Beine, Kopf und Rumpf – eben an ein eher technisches Konstrukt.

PS: Aber Marke ist kein technisches Konstrukt?
HD: Nein, bestimmt nicht. Wie ich schon sagte, Marke ist eine Komposition, eine soziale und kulturelle Komposition – Kompositionen sind frei. Insofern sind sie wie Menschen – Menschen sind ebenfalls soziale und kulturelle Kompositionen. Sie können sich in alle Richtungen entwickeln im Laufe der Zeit und bestehen sozusagen ewig – solange das Kompositionsbedürfnis der Menschen aufrecht erhalten wird und alle Teile in einer nachvollziehbaren Beziehung stehen.

PS: Aber mit der Zeit verändern sich auch Kulturen.
HD: Ja, nehmen Sie zum Beispiel die Musik. Melodien, ganze Kompositionen werden in kleinen Symbolen, der Notenschrift, zusammengesetzt. So finden Sie heute Melodien, die im frühen Mittelalter notiert und gesungen wurden als Interpretationen in modernen Pop-Arrangements wieder.

PS: Die Frage wäre dann, warum bleiben solche Komposition über Jahrhunderte lebendig?
HD: Offenbar bringen sie immer wieder etwas zum Klingen in uns, erzeugt Resonanz...

Fortsetzung folgt...

 
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