Detail der Verpackung der Gelben Sorte um 1925 Hans Domizlaff Archiv - Frankfurt am Main
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Detail der Verpackung der Gelben Sorte um 1925
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Hildegard Domizlaff (1898-1987)

Eine Künstlerin im Spannungsfeld zwischen katholischem Glauben und Selbstbehauptung

Hildegard Natalie Martha Helene Domizlaff wurde am 26. Januar 1898 in Erfurt geboren. Sie lebte seit 1926 in Köln als Bildhauerin, wo sie 89jährig am 22. Februar 1987 starb.

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Hildegard Domizlaff um 1980

Seit 1904 lebte die Familie in Leipzig, so daß man davon ausgehen kann, daß Hildegard, wie auch ihre Brüder, dort zur Schule ging. Aus einem Brief von Hildegard Domizlaff von 1983 erfahren wir, wie sich die Mutter Katharina um die musische Ausbildung ihrer Kinder kümmerte. Sie veranlaßte, daß die Kinder "von Zeit zu Zeit für 8-10 Tage mit einem Schmarsow-Schüler zum Studium der Museen nach Berlin gehen." Dieser Schmarsow-Schüler war der spätere Kunsthistoriker Karl Friedrich Suter, der ein sehr guter Freund von Hildegard Domizlaff wurde und auch mit ihrem Bruder Hans befreundet war.

Hildegard Domizlaff wurde Künstlerin in einer Zeit, die von verschiedenen aufsehenerregenden Strömungen bewegt wurde: Der Erste Weltkrieg war zu Ende, der König hatte abgedankt, Revolution und Reaktion trugen ihre Kämpfe offen in Deutschlands Straßen aus. Der Expressionismus, Dadaismus und Futurismus beherrschten die Diskussionen. Es war nicht allein die Kunst selbst, die dabei zum Thema wurde, sondern auch das Verhältnis des Künstlers zur Gesellschaft und seine Verantwortung für sie. Damit wurde der Kunst die Dimension des Politischen eröffnet. Hildegard Domizlaff begann, sich mit dem Katholizismus auseinanderzusetzen und schloß sich dem Kreis um Ilse von Stach und Martin Wackernagel an.

Martin Wackernagel und Max Klinger

Ihre ersten künstlerischen Arbeiten - vorerst Zeichnungen - entstanden schon während des Ersten Weltkrieges, um 1916, in Leipzig. Sie kam gerade von einer einjährigen Ausbildung für Gartenbau aus Berlin zurück. Eine der ersten Portraitbüsten stellte einen ihrer Brüder dar. Unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg fertigte Hildegard Domizlaff eine Portraitbüste von Ilse von Stach an. Martin Wackernagel, der zu dieser Zeit den Leipziger Kunstverein leitete, bekam die Büsten zu Gesicht und wollte sie sofort in eine Ausstellung aufnehmen. Nach ihren eigenen Angaben wurden ihre ersten Arbeiten von Max Klinger begutachtet, und er riet ihr zu einer künstlerischen Laufbahn.

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Selbstbildnis um 1919

Daraufhin begann sie ab Mitte des Jahres 1918 eine Ausbildung an der Akademie in Weimar in der Bildhauerklasse Richard Engelmanns, der selbst ein Schüler Rodins gewesen war. Gerade erst war die Öffnung der ersten Hochschulen für Frauen durchgesetzt worden, und so gehörte sie zur ersten Generation von Künstlerinnen in Deutschland, die offiziell eine Kunsthochschule besuchen durften.

Ihren Aufenthalt an der Weimarer Akademie erlebte Hildegard Domizlaff in einer Phase des Umbruchs: Walter Gropius übernahm die Leitung der Hochschule für bildende Kunst einschließlich der ehemaligen Kunstgewerbeschule in Weimar und das "Staatliche Bauhaus". Das Studium in Weimar war jedoch nur von kurzer Dauer. Ihre Konversion zum katholischen Glauben war sicherlich schon abzusehen gewesen, doch traf sie die protestantischen Eltern so sehr, daß diese kurzerhand beschlossen, ihrer Tochter jede Unterstützung zum weiteren Studium zu verweigern.

Hamburger Kunstgewerbeschule

Zunächst stand ihr jedoch wieder Max Klinger zur Seite und verhalf ihr zu einem Platz bei dem aus der Wiener Secession stammenden Professor Richard Luksch an der Hamburger Kunstgewerbeschule. Dessen Frau Elena Luksch-Makowsky war selbst eine bekannte Hamburger Bildhauerin. Hildegard Domizlaff erhielt dort ein Atelier als außergewöhnliche Studentin.

Martin Wackernagel als Leiter des Leipziger Kunstvereins und Privatdozent an der Universität Leipzig sowie der Kunsthistoriker Otto Holtze waren die ersten, die ihr Talent förderten, indem sie sie bei ihren ersten Schritten in die Öffentlichkeit begleiteten. Martin Wackernagel plazierte ihre Werke in den Ausstellungen des Leipziger Kunstvereins.

Künstlergemeinde Soest

Anfang 1922 übersiedelte sie in die Geburtsstadt ihres Vaters nach Soest, wo sich eine kleine Künstlergemeinde von Malern des Expressionismus angesiedelt hatte. Ihre ersten Erfolge auf Ausstellungen verhalfen ihr zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit, und sie konnte sich unbefangen ihrer Arbeit widmen.

In Soest durchlebte sie wohl die Zeit des stärksten inneren Ringens um ihr künstlerisches Wollen und Sein. 1918 hatte sie kurz vor ihrer Konversion in ihr Tagebuch eingetragen: "Was ist ein Künstler anderes als ein Werkzeug Gottes, ein Gefäß des Heiligen Geistes", noch ohne zu ahnen, wohin sie ihre künstlerische Befähigung tragen würde. In Soest schreibt sie 1922: "Es ist die Form, die das Ganze harmonisierend umschließt. Es ist da ein neuer Sinn für das Organische nötig, ein Sinn für Ordnung, nicht nur für Kraft, Leidenschaft und Ekstase."

Nach einer kurzen Zwischenstation in Leipzig siedelte Hildegard Domizlaff 1923 nach Münster über. Martin Wackernagel hatte dort an der Westfälischen Wilhelms-Universität die Stelle als Ordinarius für Kunstgeschichte übernommen. In Münster tritt auch der schon in Leipzig zu den Freunden der Familie Domizlaff zählende Theodor Däubler zum Kreis um Wackernagel und seiner Frau Ilse von Stach. In den Jahren zwischen 1919 und 1924 unternahm sie mehrere Reisen durch Deutschland, Italien und später auch nach Griechenland. 1924 hielt sie sich für längere Zeit in Paris auf.

Liturgie und Neugestaltung

In der Blütezeit des Katholischen Akademikerverbandes seit Mitte der 20er Jahre nahm Hildegard Domizlaff Kontakt mit Franz Xaver Münch und dessen Freund Peter Wust, dem ‚Philosophen von Münster' auf und begann mit ihm eine langjährige fruchtbare Auseinandersetzung insbesondere um Fragen der Liturgiegestaltung. Zahlreiche liturgische Geräte, die nach dem zweiten Weltkrieg entstanden, legen ein beredtes Zeugnis über ihre grundlegende Auseinandersetzung mit diesen Fragen ab. Aus dieser Zeit stammen die ersten großen bildnerischen Werke für kirchliche Auftraggeber: das Kriegerdenkmal für die Kirche zu Esch bei Köln von 1925 und der Herz-Jesu-Altar in der Kirche zu Weiler bei Köln von 1926.

1927 verlegte Hildegard Domizlaff ihren Lebensmittelpunkt endgültig nach Köln, wo sie zuerst eine gemeinsame Wohnung mit der Künstlerin Helen Wiehen bezog. Ab 1929/30 ließ sie sich mit Helen Wiehen in dem von Theodor E. Merrill nach den Bedürfnissen der beiden Künstlerinnen entworfenen Wohn- und Atelierhaus in Köln-Müngersdorf nieder. Mit dem Künstler Gerhard Marcks verband sie seit 1938 intensive Freundschaft und ein reger Briefwechsel, der bis 1953 reicht, als sich Marcks mit seiner Frau aufgrund der steten Bemühungen von Hildegard Domizlaff in einem Atelierhaus ebenfalls in Müngersdorf niederließ.

Seit Beginn des Zweiten Weltkrieges lebte sie zurückgezogen in ihrem Haus in Müngersdorf und widmete sich ihrer Arbeit an den Holzschnitten. Nach eigenen Angaben unternahm sie lediglich einmal, 1943, eine längere Reise zum Begräbnis der Mutter in Leipzig. Am meisten litt sie unter den eingeschränkten Kontakten zu ihren Freunden und dem Mangel an Reisemöglichkeiten, dazu kam die konzentrierte Arbeit in den kleinen, reduzierten Formaten der Buchillustration, in denen die formalen und ikonographischen Themen vorgegeben waren.

Kriegsende in Köln

In Köln war der Krieg seit dem 6. März 1945 zu Ende. Ein großer Teil der Werke von Hildegard Domizlaff waren im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen. Die ersten Aufträge nach dem Krieg bekam sie von der Kirche. Sie entwarf und erstellte liturgisches Gerät, bischöfliche Insignien und gestaltete Innenräume von Kirchen, z.B. von St. Engelbert in Köln-Riehl und die Münsterkirche in Essen.

Mit der fachmännischen Hilfe ihres Bruders Helmuth Domizlaff ergänzte sie ihre buchkünstlerische und graphische Sammlung, die ihr als Quelle für Anregung, Inspiration und zum Studium technischer und künstlerischer Lösungen in verschiedenen Drucktechniken diente.

Mitte der 60er Jahre hielt sich Hildegard Domizlaff aus gesundheitlichen Gründen für zwei Jahre in der Nähe von Aachen auf. Dort entstanden zahlreiche Blätter mit Naturstudien von Gräsern, Insekten und Vögeln, die später Eingang in ihre Elfenbeinarbeiten und Schmuckstücke fanden.

Sie kehrte nach Köln in ihr Atelier zurück und wendete sich der Elfenbeinschnitzerei und dem Entwurf und Ausführung von Schmuckstücken und kirchlichen Insignien zu. Es entstanden bis zum Anfang der 80er Jahre zahlreiche kleinformatige Reliefs, deren Motive sie aus ihren Naturstudien bezog.

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Das Atelier in Köln-Müngersdorf 1975

Im Februar 1987 besuchte die Kunsthistorikerin Ingrid Leonie Severin zusammen mit dem Bildhauer Elmar Hillebrand Hildegard Domizlaff, die sie zu einem Gespräch über ihr Leben und ihr Werk eingeladen hatte. Die Kölner Kunsthistorikerin sollte später die Inventarisierung ihrer Sammlung und des Oeuvres übernehmen, aber nur zwei Tage später starb Hildegard Domizlaff 89jährig in ihrem Atelierhaus.

In einer Erinnerung an Hildegard Domizlaff schreibt Joachim Kardinal Meisner: "Ihre profunde theologische Kenntnis und ihr scharfes Wahrnehmungsvermögen der oft verborgenen Ursachen für die kirchliche und gesellschaftliche Gegenwart machten die Begegnungen mit Hildegard Domizlaff zu interessanten, oft unbequemen, aber immer positiven Erlebnissen."

Das Atelierhaus steht heute unter Denkmalschutz und wurde 1989 vom Kölner Auktionator Henrik Hanstein erworben, der es renovieren ließ, um es in Zukunft - nach dem Willen Hildegard Domizlaffs - einem Künstler zur Verfügung zu stellen.

Zusammengestellt aus Auszügen aus dem Kapitel über Hildegard Domizlaff in dem Buch "Mühlrad, Schulbank und Carrière" von Carmen Zotta und Peter Sumerauer.

 
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