Detail der Verpackung der Gelben Sorte um 1925 Hans Domizlaff Archiv - Frankfurt am Main
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Detail der Verpackung der Gelben Sorte um 1925
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Helmuth Domizlaff (1902-1983)

Der Antiquar als Diplomat und Botschafter

Am 20. Mai 1902 wurde Helmuth Domizlaff in Erfurt geboren. Die Kindheit lag also noch im sonnigen Glanz des Kaiserreiches, während die Schulzeit vom 1. Weltkrieg überschattet war. Er besuchte das Nikolaigymnasium, das zu den ehrwürdigen Bildungseinrichtungen in Leipzig gehörte. Schon während der Schulzeit war Helmuth Domizlaff ein kundiger Sammler. Der junge Kunsthistoriker Karl Friedrich Suter war in diesen Jahren erst sein von der Mutter bestellter Mentor und späterer Freund und verhalf ihm zu manchem Fund auf den Büchertischen der Leipziger Buchmesse. Bereits als Neunzehnjähriger hatte er eine Sammlung deutscher Literatur mit vielen Erstausgaben zusammen getragen.

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Helmut Domizlaff um 1950

Helmuth Domizlaff begann seine Ausbildung 1922 in politisch und wirtschaftlich bewegter Zeit in der Buchhandlung Otto Harrassowitz in Leipzig, die gerade ihr 50. Betriebsjubiläum feiern. Er beendete seine Lehrzeit 1924 und wechselte nach Frankfurt zu Joseph Baer & Co., wo Moritz Sondheim und Leo Baer seine Lehrmeister wurden. Hier waren die Schwerpunkte Einbandkunde und die illustrierten Bücher des 15. und 16. Jahrhunderts, ein Bereich, der sich später auch zu Domizlaffs bevorzugten Gebiet entwickelte.

Ab 1925 war seine nächste Station eine Dependance von Jaques Rosentahls "L'Art Ancien" in Lugano an der Piazza Allessandro Manzoni. Hier blieb er für fast drei Jahre und bewohnte ein schlichtes, aber freundliches Zimmer zwischen dem Büroraum, der mit Handbibliothek, Karteien und Schreibtischen vollgestellt war, und dem schönen Ausstellungs- und Lagerraum.

"L'Art Ancien"

In Arthur Spaeth, dem Direktor der "Art Ancien", hatte Domizlaff seinen Meister und wohl auch sein Vorbild gefunden. Spaeth sprach mehrere Sprachen, seine Arbeit genügte wissenschaftlicher Genauigkeit. Er hielt seine Mitarbeiter zu intensiver Teilnahme am Geschäftsleben sowie zu eigener Initiative an und war dabei nicht leicht zufrieden zu stellen.

Um 1928 wechselte Domizlaff schließlich in das Münchner Antiquariat Jaques Rosenthals. Dort waren neben dem Seniorchef Jaques Rosenthal, dessen Sohn Erwin Rosenthal und der "erste" Antiquar Fritz Finkenstaedt tätig, der seine Lehrzeit ebenfalls bei Harrassowitz in Leipzig absolviert hatte. Weitere Mitarbeiter waren Adolf Seebaß und Waldemar Lessing. Domizlaff wurde schon bald Assistent von Erwin Rosenthal und fand ein seinen Neigungen und Interessen entgegenkommendes Aufgabengebiet. Das besondere Steckenpferd Helmuth Domizlaffs war das illustrierte Buch von der ältesten bis zur neueren Zeit.

München war nach dem ersten Weltkrieg neben London das internationale Zentrum des antiquarischen Buchhandels in Europa geworden. Hier saßen die bedeutendsten deutschen Antiquariate in den Straßen zwischen dem Universitätsviertel und dem Karolinenplatz, wo sich um den schwarzen Obelisken eine Perlenkette hervorragender Auktionshäusern und Antiquariaten legte.

Christian M. Nebehay zu Besuch

Domizlaff nahm sich eine einfache Wohnung am Nikolaiplatz, der sich in dem von Intellektuellen und Künstlern bevorzugten Stadtteil Schwabing befand. Wer bei Helmuth Domizlaff zu einem Besuch vorbeikam, mag über die Kargheit, in der dieser angesehene Antiquar hauste, erstaunt gewesen sein. Die Wohnung wird in der Schilderung seines Freundes Christian M. Nebehay zu einem Kabinett von winzigen Ausmaßen, einer Art Mönchsklause.

Bereits 1930 zeichneten sich die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auch im antiquarischen Bücherhandel ab. Erwin Rosenthal mußte seine drei besten Mitarbeiter, den aus Danzig stammenden Historiker Dr. Ernst Schulz, Fritz Finkenstaedt und Helmuth Domizlaff vor die Wahl stellen, sich entweder mit einem reduzierten Salär von 600 statt 1000 Mark monatlich zu begnügen oder zu kündigen.

Doch Erwin Rosenthal brauchte Ersatz für sein verlorenes Personal. Er hatte sein Angebot gegenüber Helmuth Domizlaff ebenfalls wiederholt, doch dieser machte sich im Dezember 1931 mit einem kleinen Betrieb selbständig. Domizlaff empfahl ihm als geeigneten Nachfolger Hans Koch, der die Stellung bei Rosenthal angeboten bekam und annahm.

Entwicklung des Seltenheitsantiquariats

Helmuth Domizlaff hatte sich etwas wirtschaftliche Unabhängigkeit erhalten und konnte so die erste schwierige Zeit überstehen. Unter der nationalsozialistischen Diktatur war das geistige Klima in Deutschland für ein international agierendes Antiquariat, wie es Domizlaffs Spezialgebiet entsprach, denkbar schlecht. Dessen ungeachtet konnte er den Betrieb trotz Krise und den nachfolgenden Kriegsjahren zu einem der erfolgreichsten Seltenheitsantiquariate entwickeln.

Von den Verboten des Reichskulturkammergesetzes von 1933 waren auch die Antiquare betroffen. Die jüdischen Buchhandlungen und namhaften Antiquariate von Emil Hirsch und Jacques, Heinrich, Nathan und Ludwig Rosenthal, die jeder in München eine Firma hatten, wurden in den Jahren bis 1938 nach und nach geschlossen, die jüdischen Buchhändler mit Berufsverbot belegt.

Heinrich Rosenthal hatte sein Geschäft am Promenadenplatz schon 1931 aufgelöst und war nach Luzern emigriert. Die Brüder Jaques, Fritz und Paul Rosenthal hielten sich noch bis 1937 in München. Der Betrieb von Jaques Rosenthal war im Zuge der "Arisierung" 1935 von Hans Koch übernommen worden.

Auflösung der Antiquariate-Szene

So löste sich unter der nationalsozialistischen Diktatur binnen weniger Jahre eine in sechs Jahrzehnten gewachsene Antiquariatslandschaft von internationalem Rang auf, deren Exponenten sich gezwungener Maßen über Nordamerika und Europa verteilte.

1945 begann für Domizlaff der Neuaufbau, bei dem ihm langjährige Erfahrung, Konzentrationsfähigkeit und sein hervorragendes Gedächtnis zu Gute kamen. Die Wertschätzung der internationalen Kollegen half ihm, die während der Kriegszeit verkümmerten Kontakte wieder aufzunehmen. Zu Beginn seiner Münchener Zeit hatte Helmuth Domizlaff den englischen Antiquar Percy M. Muir kennengelernt, mit dem er seither freundschaftlich verbunden war. Diese Freundschaft dauerte über die Zeit der Nazi-Diktatur an und bewährte sich schließlich in den Nachkriegsjahren.

Nach dem Krieg hatte der Amsterdamer Antiquar Menno Hertzberg die Bildung einer internationalen Vereinigung der nationalen Verbände von antiquarischen Buchhändlern angeregt. 1948 wurde in Kopenhagen die "International League of Antiquarian Booksellers (ILAB)" gegründet. als deren Präsident Percy M. Muir gewählt wurde.

"Vereinigung Deutscher Buchantiquare und Graphikhändler"

Auch wenn man wenig Hoffnung hatte, daß der deutsche Verband unmittelbar in die Liga aufgenommen werden würde, schlossen sich die deutschen Antiquare im Januar 1949 in München zur "Vereinigung Deutscher Buchantiquare und Graphikhändler" zusammen. Im Gründungsvorstand waren neben Helmuth Domizlaff als Vorsitzenden Dr. Ernst Hauswedel aus Hamburg, Willi Heinrich aus Frankfurt sowie Dr. Georg Karl und Bernhard Wendt aus München.

Helmuth Domizlaff unterließ zunächst jede eigene Aktivität in Richtung auf eine Aufnahme, "um nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein, eine Absage zu erhalten", wie er 1977 in einem Interview äußerte. Schließlich erhielt Helmuth Domizlaff als Vorsitzender der deutschen Vereinigung eine offizielle Einladung, an dem Liga-Kongreß in Brüssel im September 1951 als ‚Observer' teilzunehmen. Dort wurde mit nur einer Gegenstimme die deutsche Vereinigung als dreizehntes Mitglied in die Liga aufgenommen.

Seinen antiquarischen Buchhandel in Schwabing führte Helmuth Domizlaff bis 1980 ohne Klingelschild und eigenen Katalog als Einmann-Betrieb weiter, bevor er sich 1983 in Übersee am Chiemsee niederließ. Domizlaff unterhielt ein kleines Lager und konzentrierte sich auf die Vermittlung guter Einzelstücke, d.h. er veranstaltete auch keine eigenen Auktionen.

Helmuth Domizlaff: "marchand amateur"

Sein Unternehmen galt selbst in Branchenkreisen als ungewöhnlich. Er war unter den Antiquaren einer der wenigen "marchand amateur", der mehr Sammler als Händler war und seinen Kollegen und Sachkennern gerne ein gastfreies Haus offenhielt. Manch einer kam, um sich als Kenner, Liebhaber, Bibliothekar und Kollege vertrauensvoll Rat und Anregung zu holen, und Helmuth Domizlaff war gerne bereit sein Wissen weiterzugeben. Einige Bibliographen, Literatur- bzw. Kunsthistoriker haben ihm wertvolle Hinweise und Hilfe für ihre Arbeit zu verdanken.

Am 30. August 1983 starb Helmuth Domizlaff im Alter von 81 Jahren in seinem Haus in Übersee.

Zusammengestellt aus Auszügen aus dem Kapitel über Helmuth Domizlaff in dem Buch "Mühlrad, Schulbank und Carrière" von Carmen Zotta und Peter Sumerauer.

Informationen zum Verband deutscher Antiquare e.V.

 
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